Iwajla Klinke

01.04.2022 – 05.06.2022

01. Die Künstlerin

Iwajla Klinke hat nach ihrem Kunstgeschichtsstudium in Berlin einige Jahre beim Fernsehen gearbeitet, Dokumentationen für Arte und 3sat gedreht, bevor sie sich komplett der künstlerischen Fotografie zuwandte.

Die Jahre beim Fernsehen hätten in ihr eine tiefe Sehnsucht nach Stille erzeugt, erzählt sie, nach einem Ausdruck ohne Worte. Die Kinder, die sie aufnimmt, verstehen die Bedeutung der Rituale, in deren Zentrum sie stehen, oft nicht wortwörtlich und explizit, aber sie erfassen umso intuitiver die Heiligkeit des Augenblicks. Das Lebensalter vor der Pubertät beschäftigt Klinke, weil es für sie die Zeit vor einer Verwandlung ist, einem Vergehen, ja vor dem Tod, wenn man diesen als Übergang von einer Daseinsform zur nächsten begreifen. Würde sie die Kinder, die sie aufnimmt, nach Jahren wiedersehen, wären sie keine Kinder mehr, etwas in ihnen wäre gestorben, etwas anderes neu entstanden.

– Simone Sondermann, Sakrale Superhelden: Iwajla Klinkes Portraits, in: Weltkunst,  am 17.07.2018

02. Die Ausstellung

Die Zeremonie des Übergangs

Über die Fotografie von Iwajla Klinke

Ihre eindrücklichen Fotoporträts junger Menschen vor schwarzem Hintergrund, denen oft etwas sowohl Majestätisches als auch Entrücktes anhaftet, wirken wie aus der Zeit gefallen oder so, als gehörten sie einer anderen Epoche und Kultur oder gar mehreren Kulturen an. Und doch entstammen sie unserer Zeit und sind somit zeitgenössisch, aber auf eine gegengängige Weise und anders, als der Geist des Zeitgenössischen es erwartet. Bei diesen sich der Vereindeutigung entziehenden Porträts von Iwajla Klinke handelt es sich letztendlich um Hybride, insofern unterschiedliche metaphorische, im Realen unverknüpfte Bedeutungsebenen synthetisiert werden, und zwar so subtil und mit Raffinesse, dass sie, unsere gewohnten Blickkonzepte irritierend und außer Kraft setzend, zu einem Sehen ohne Ufer und Grenzen einladen.

Wir blicken beispielsweise auf eine Trauerprozession, bei der Jungen in Rot zwar biblische Judäer darstellen, aber die Fashion-Wahrzeichen ihrer Generation wie Nike und Adidas, tragen. Sie haben sich Masken fabriziert, auf denen die Jetztzeit mit der Vergangenheit korrespondiert und Chicago Bulls neben Totemtieren aus Mexiko auf biblische Figuren treffen.

Die Porträts, die von starker Sinnlichkeit zeugen, markieren Zwischenzeiten und Zwischenräume. Sie wirken dabei wie befremdende Gedichte an die Dauer, insofern sie das Aktuelle, allzu Aktuelle transzendieren und auf das sowohl inhaltliche als auch ästhetische Surplus noch gelebter Traditionen und Bräuche verweisen. Die durch die schwarze Kulisse suggerierte Ortlosigkeit korreliert dabei mit der Macht der Zeitlosigkeit.

Nicht selten sind die Gesichter hinter Masken verborgen, oder von den Körpern in zeremoniellen Gewändern, auf dem Erdboden liegend, nur die Rückenansicht zu erkennen. Bereits auf den ersten Blick ist klar, hier geht es weder um Psychologisierung noch um Einblicke in die Innenwelt der „Dargestellten“ und auch nicht um das einzelne Individuum, vielmehr um den Einzelnen als Repräsentant von etwas Größerem sowie um die Übergänge, die Menschen passieren und Verwandlung bedeuten.

Die 17 Arbeiten aus verschiedenen Serien und Zyklen, die in der Ausstellung „HYPNOPOMP“ vereint sind, beschreiben die Dynamik des Werdens, das Gelingen der Transformation und der Verwandlung eines Jungen in ein Mädchen, des Menschen in ein Tier, des Jugendlichen zu einem Priester sowie den Übergang der Kindheit zum Erwachsensein. Im Sinne des Philosophen Walter Benjamin können wir Iwajla Klinke als eine Schwellenkundige bezeichen, deren Zeitsinn für die Gleichzeitigkeit der Zeiten plädiert und sich gegen Exklusion richtet.

Heinz-Norbert Jocks